Elemente einer Geschichte

heldenreiseDer Mythenforscher Joseph Campbell hat sich intensiv mit Geschichten in unterschiedlichsten Kulturen auseinandergesetzt und kommt zu dem Ergebnis, dass die Struktur von Geschichten in allen Kulturen und zu allen Zeiten die gleiche ist: die Reise des Helden.

Es gibt immer einen Protagonisten, der auf irgendeine Weise einer Herausforderung begegnet, sei es eine Gefahr oder die Aussicht auf Belohnung, und der sich daraufhin auf eine Reise begibt und verschiedenste Abenteuer erlebt, bis er zu seinem Ziel kommt. Schließlich findet er den Schatz, die Prinzessin, das Elixier und kehrt damit verändert zurück. Christopher Vogler hat Campbells Analysen weiterentwickelt und kommt in seinem Buch The Writer´s Journey zu dem Schluss: »Derartige Geschichten spiegeln eben die Funktionsweise des menschlichen Geistes genau wider; sie sind getreue Pläne der Seele. […] Daraus ergibt sich die universelle Kraft solcher Geschichten. Von einer Geschichte, die dem Modell der Reise des Helden nachgebildet ist, geht etwas aus, das alle Menschen empfinden können, weil es dem universellen kollektiven Unterbewussten entspringt und universelle Befindlichkeiten widerspiegelt. In solchen Geschichten geht es immer wieder um die universellen, kindlichen Urfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich, wenn ich sterbe? Was ist gut, was ist böse? Und was hat das mit mir zu tun? Wie wird das Morgen aussehen? Und wohin ist das Gestern entschwunden? Gibt es sonst noch jemanden da draußen?« (Vogler, Die Odyssee des Drehbuchautors, S. 52)

Neben dem Helden – es kann auch eine Heldin oder eine Gruppe sein – gibt es in Geschichten auch weitere typische Charaktere, die für bestimmte Prinzipien stehen und die Geschichte vorantreiben. Da wäre beispielsweise der Widersacher (Antagonist), dessen Aufgabees ist, den Helden herauszufordern, ihn zum Handeln zu zwingen. Sehr häufig gibt es auch einen Mentor, eine Art Lehrer, der dem Helden wichtige Hinweise gibt und ihn väterlich begleitet. Eine weitere wichtige Figur ist der Schwellenhüter; er steht in wichtigen Situationen auf dem Weg und versucht, den Helden am Weitergehen zu hindern. Der Schwellenhüter steht für Widerstände und schwierige Situationen. Aber eigentlich will er besiegt und überwunden werden. Der Trickster ist die Figur, die gerne Unordnung in die Geschichte bringt. Er macht Späße, hat ein anarchisches Potenzial und stellt auch immer wieder Dinge infrage. Die Aufgabe des Tricksters ist es, einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen, um eine Situation noch einmal aus einer ganz anderen Sicht zu betrachten. Der Chor kommentiert das Geschehen und bietet Erklärungen und Interpretationsmöglichkeiten an. Gefährten begleiten den Helden auf seinem Weg, stehen ihm bei und bieten wichtige Hilfe. Neben diesen hier angeführten Figuren gibt es noch einige weitere. Wichtig ist, dass die Figuren für Prinzipien stehen, die die Geschichte vorantreiben und uns als Rezipienten Identifikationsmöglichkeiten bieten. 

Neben archetypischen Figuren gibt es in Geschichten auch immer wieder Orte, die eine bestimmte Funktion haben. Auch davon seien hier nur ein paar Beispiele genannt:


Das Heim des Helden ist sehr häufig der Rückzugsort, der der Erholung und Reflexion dient. Ein anderer Ort ist die Arena, in der der Kampf mit dem Gegner stattfindet. Die Wüste und der Dschungel stehen für ein schwieriges Gebiet der Reise und verwirren durch ihre Kargheit (Wüste) oder Üppigkeit (Dschungel). Die Brücke des Todes führt über ein tiefes Tal auf die andere Seite, die einen Fortgang der Geschichte markiert und für ein neues Niveau steht. Vor ihr steht sehr häufig einen Schwellenhüter. Auf dem Gipfel des Berges gibt es Klarheit und Erkenntnis, häufig auch die Begegnung mit Gott. Im tiefsten Verließ ist die Prinzessin gefangen oder der Schatz versteckt. In der Höhle des Löwen findet die Auseinandersetzung und der endgültige Kampf mit dem Bösewicht statt. Schließlich sei noch das Siegerpodest genannt, das für den Triumph des Helden steht.

Das Verständnis der Prinzipien und Zutaten einer Geschichte hilft uns dabei, eine Geschichte zu konstruieren. Indem wir eine Geschichte erfinden, können wir das, was gelernt werden soll, in diese integrierten und Lernern helfen, sich mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen von Details, sondern vor allem um das Erkennen von Zusammenhängen, die Auseinandersetzung mit einer Thematik und der Reflexion.

Neben der Ebene, eine Geschichte dafür einzusetzen, sich mit einem Thema zu befassen, bietet die Geschichte noch eine zweite Dimension: Der Lernprozess selbst kann als Heldenreise verstanden werden, und das Schlüpfen in die Rolle eines Helden kann es Lernern erleichtern, sich mit schwierigen Situationen auseinanderzusetzen. Das Studium kann so eine andere Bedeutung erhalten und Schwierigkeiten lassen sich als Schwellenhüter verstehen, die es zu überwinden gilt, um ein neues Level zu erreichen. Auch die Figuren können einen didaktischen Charakter haben. Der Mentor als Berater ist dabei noch die eindeutigste Funktion.

© Frank Thissen – Impressum – »I try to skate to where the puck will be, not where it has already been!« (Wayne Gretzky)