Österreich

wienDie Wiener Grundschullehrerin Barbara Zuliani setzt in ihrer Klasse iPads ein und hat im Oktober 2009 einen Blog für ihre Klasse eingerichtet, dessen Ziel die Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus, zwischen Lehrerin und Schülern und zwischen den Schülern untereinander ist.

Frau Zuliani untersuchte dabei die Nutzung des Blogs systematisch, um die folgenden Fragen zu klären: »Können SchülerInnen dieser Altersklasse via Computer miteinander kommunizieren? Können sie gleichermaßen Sozialkompetenz, Lese- und rechtschriftliche Kompetenzen aufbauen bzw. dabei erwerben? Wie gehen die Eltern damit um? […] Kann ich Kinder zu individuellen Meinungsäußerungen und zu spontanen Antworten auf gestellte Fragen bewegen? Sind kreative Beiträge aus ihrem Lebensumfeld im Alter von 7 Jahren schon möglich?« (Zuliani 2012)

Zeitgleich setzte sie sich in ihrer Masterarbeit an der Pädagogischen Hochschule Wien mit der Frage auseinander, ob sich mit Hilfe der iPads die Kreativität der Kinder fördern lässt. (Zuliani 2012)

Die Projektstudie »Der Einsatz von iPads in Volksschulen« wurde in einer vierten Klasse einer Wiener Volksschule mit 23 Kindern (10 Jungen, 13 Mädchen) zwischen Dezember 2011 und Juni 2012 durchgeführt. (Zuliani 2012a,8)

Zusätzlich wurde eine siebenwöchige Testphase zum Thema Kreativitätsförderung durchgeführt.

»Als Medium für diese Arbeit wurde das iPad gewählt. Dieses Device ist durch seine selbsterklärende und haptisch-kinesthetisch zu bedienende Oberfläche ein geeignetes Werkzeug, um mit Kindern in dieser Altersklasse zu arbeiten.« (Ausgangslage)

Die Hauptfrage der Untersuchung war zunächst, »ob es durch den Einsatz des iPads in einem 1:1 Konzept mit Internetanbindung in einer vierten Klasse Volksschule zu einem Mehrwert im Bereich Klassenkommunikationskultur kommt. Ziel dieser Untersuchung war die Beantwortung folgender Forschungsfragen:

  • Auf Lehrerinnenebene
: Steigen die Zugriffe in der Zeit, in der die SchülerInnen über ein eigenes Gerät verfügen, signifikant an?
  • Auf Schüler- und Schülerinnenebene: 
Wird der Blog häufiger von den SchülerInnen genutzt, wenn jeder Schüler beziehungsweise jede Schülerin über ein eigenes Tablet mit Internetanschluss (über WLAN) in der Klasse verfügt?
  • Auf Elternebene: 
Fühlen sich Eltern durch intensivere Nutzung des Internets, dadurch dass ihre Kinder mehr damit arbeiten, besser über das Schulleben informiert? Gehen Eltern, mit Hilfe ihrer Kinder (digital natives), den Weg vom Konsumenten zum Prosumenten des Internets, mittels des Blogsystems?« (Zuliani 2012a,6)

Neben der intensiven Nutzung des Klassenblogs konnten sich die Kinder mit Hilfe der App Papierflieger im Unterricht Informationen zuschicken, »was bei Gruppenarbeiten und Internetrecherche sehr hilfreich ist. Ebenso konnte mittels dieses Programms spielerisch der Unterrichtsertrag durch kurze Fragestellungen der Lehrerin überprüft werden«. (Zuliani 2012a,9)

Mit eigenen E-Mail-Adressen wurden Hausaufgaben an die Lehrerin oder Aufgabenstellungen der Lehrerin für erkrankte Kinder verschickt.
Zudem wurde zur Förderung der im Erlass des Ministeriums geforderten »digitalen Kompetenz« der Umgang mit Internetrecherchen, Suchmaschinen, Zitationsregeln und Quellenangaben geübt. (Zuliani 2012a,10)

»Für die Untersuchung wurde ein Fragebogen entwickelt, der die Selbsteinschätzung der Schüler und Schülerinnen beziehungsweise, die der Eltern abfragt. Die erste Umfrage wurde Ende November und Dezember 2011 durchgeführt, die zweite Umfrage im Juni 2012 am Ende des Schuljahres.« (Zuliani 2012a,6)


Für das Thema Kreativitätsförderung wurde ein nichtstandardisierter Fragebogen in Anlehnung an den »Kreativitätstest für Vorschul- und Schulkinder« (Krampen 1996,3ff.) entwickelt und eingesetzt.

»Spannend war jene Beobachtung, dass sowohl die Schüler und Schülerinnen als auch die Eltern sehr gezielt und vorsichtig mit dem Medium des Klassenblogs umzugehen gelernt haben. Im Unterricht sind immer wieder Themen bezüglich der Verwendung des Blogs diskutiert worden, zum Beispiel die Netigkette oder wer was auf dem Blog lesen darf – Krankheitsmeldungen oder Entschuldigungen haben auf einem öffentlich zugänglichen Blog nichts verloren!Die Kinder und die Eltern begannen immer differenzierter und gezielter Medien zu wählen und einzusetzen – z. B. wurde die Mailkorrespondenz sehr wichtig und von allen Schulpartnern und Schulpartnerinnen sehr geschätzt.Der Klassenblog bekam im Laufe des Projektes einen Informationscharakter, während der Einsatz von Mails, dem App Papierflieger (vergleichbar mit einem Intranet) und die Funktion der Dropbox immer mehr an Bedeutung gewannen, vor allem im Bereich des kollaborativen Lernens.
Der Unterricht hatte sich dahingehend geändert, dass kaum mehr Arbeitsblätter für den Unterricht kopiert werden mussten. Die Kinder lernten, das iPad medienkompetenzorientiert in ihren Schulalltag zu integrieren.« (Statistik des Klassenblogs)

»Spannend zu beobachten war jener Schritt der Kinder, mit dem sich das Blogsystem als Informationsquelle in der Klasse etablierte. Die meisten Kinder kamen in der Früh in die Klasse, und entweder hatten sie schon zu Hause einen kurzen Blick auf den Klassenblog geworfen oder sie machten dies noch schnell vor dem Unterrichtsbeginn.
Sie lernten sehr schnell, sich organisatorische Informationen auf ihr Endgerät herunterzuladen, diese in einem Ordnungssystem (eBooks) zu verwalten und sich gegenseitig Hilfestellung zu geben.Ähnlich funktionierte es auch mit Unterrichtsmitteln, wie »Zetteln«, die sie früher in einem Ordner eingeordnet hatten und jetzt vom Klassenblog aus herunterladen und in ihrem »Bücherregal« (eBooks) einordnen konnten. In der Projektzeit wurden kaum mehr Arbeitsblätter kopiert.Die Schüler und Schülerinnen hinterließen immer weniger Kommentare auf dem Klassenblog und begannen mit Begeisterung, Mails und Nachrichten – sowohl an die Lehrerin als auch an einander – zu schreiben. Das Thema, was wer lesen darf, wurde zu einem zentralen Thema im Klassengeschehen und oft diskutiert.« (Auswertung)

»Ausgehend von der Forschungsfrage, ob die Zugriffe auf den Klassenblog in der Zeit stiegen, in der jedes Kind über ein eigenes Endgerät verfügte, kann eindeutig mit »ja« beantwortet werden. Wobei hier anzumerken ist, dass durch den Fokus der Medien auf dieses Projekt nicht nur die Kinder und deren Eltern auf den Blog zugegriffen haben.
Sowohl die Eltern als auch die Schüler und Schülerinnen haben die Präsenz der Lehrerin auch außerhalb der Schulzeit sehr zu schätzen gewusst. Der Klassenblog wurde als Informationsmöglichkeit gesehen, den zu lesen sowohl für die Kinder als auch für deren Eltern als sehr nützlich eingestuft wurde.Die Schüler und Schülerinnen begannen im Laufe des Projektes, medienkompetenzorientiert zu interagieren und sehr wohl überlegt Medien via Internet zu verwenden und zu nutzen. Im Laufe des Projektes kristallisierte sich immer mehr heraus, dass der Klassenblog eher die Rolle einer interaktiven «Informationstafel« für aktuelle schulische Belange einnahm, denn als Kommunikationsplattform zwischen allen beteiligten Schulpartnern und Schulpartnerinnen. Sowohl Kinder als auch deren Eltern lasen sehr intensiv den Klassenblog und waren über schulische Belange gut informiert, aber sie verwendeten den Blog weniger als interkommunikatives Medium. Zurückzuführen ist dies auf das Bewusstwerden, dass dies ein öffentlich zugängliches Medium ist, und das Blogsystem, so wie es verwendet wurde, keine Privatsphäre zulässt – jeder kann alles lesen. Im Unterschied dazu ist der Mailkontakt, der im Laufe des Projektes entstand, sehr gezielt an eine Person bzw. an Personengruppen gerichtet und nicht der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich. Die Sensibilisierung dieser Problematik wurde bei der Durchführung dieses Projektes zu einem zentralen Thema, das im weitesten Sinne erarbeitet, durchgeführt und gelebt wurde.Durch die intensive Arbeit und im Hinblick darauf, dass jedes Kind über ein eigenes Endgerät verfügt, wurde es zu einer Selbstverständlichkeit neue Medien zu nutzen und in den Unterricht zu integrieren.« (Zusammenfassung)

Fazit

»Neue Medien im Unterricht zu nutzen, um einen Mehrwert im Bereich des Lernens darzustellen, beinhaltet auch Gefahren. Dies kann nicht nur durch punktuelle Medienprojekte abgedeckt werden, sondern bedarf einer selbstverständlichen und gelebten Integration und Implementierung neuer Medien in das Unterrichtsgeschehen. Dadurch verändert sich der Unterricht in weiten Bereichen, z.B. werden kaum mehr Arbeitsblätter kopiert, dafür müssen sie rechtzeitig von der Lehrperson hochgeladen werden und die Kinder sind aufgefordert sich rechtzeitig auf den Unterricht vorzubereiten. Es wird zu einer Selbstverständlichkeit, dass die Schüler und Schülerinnen Medien nicht »nur« konsumieren, sondern auch produzieren.
Das Prinzip des »Challenge Based Learning« (eine Verknüpfung der Lehrinhalte mit Lebensthemen der Schüler und Schülerinnen) ist ein Unterrichtsprinzip, das in diesem Projekt eine wesentliche Komponente einnahm.

Weitere Forschungen in diesem Bereich sind hinsichtlich der Wahl der Endgeräte, um Kinder an das medienkompetenzorientierte Arbeiten heranzuführen, notwendig. Es wurde während des 1:1 iPad-Concepts für die Schüler und Schülerinnen sehr schnell klar, dass der Klassenblog zwar ein ausgezeichnetes Informationstool darstellt, aber ungeeignet ist, um ihre Arbeiten anderen Kindern zur Verfügung zu stellen. Das kollaborative und explorative Arbeiten mit den Tablets wurde ebenso zu einer zentralen Thematik in der Klasse wie der Umgang mit dem Medium des Klassenblogs. Spannend hinsichtlich der Wahl der Plattform wäre es zu hinterfragen, welches Cloudsystem für welche Art der Arbeit geeignet ist, und inwieweit sich das kollaborative Arbeiten auf den Schulerfolg der Schüler und Schülerinnen auswirkt. Ebenso interessant ist es zu hinterfragen, welche Medienkompetenzkriterien sowohl im Primar-, als auch im Sekundarbereich anzusetzen sind, um die Schüler und Schülerinnen dahingehend anzuleiten, diese zu erlernen. Eine weitere interessante Fragestellung würde sich ergeben, inwieweit die Lesekompetenz der Schüler und Schülerinnen steigt, wenn sie neben der täglichen Leseaufgabe das Lesen des Klassenblogs als Informationsmedium verwenden.«

Zusammenfassung


In Hinblick auf das Thema Kreativität konnte Frau Zuliani in ihrer Studie keine signifikante Steigerung durch den Einsatz der iPads nachweisen. »Die Ergebnisse der Untersuchung sind nicht in dieser Form zu sehen, dass von einer signifikanten Steigerung in allen Untersuchungstermini gesprochen werden kann, eine Steigerung ist allerdings eindeutig zu vermerken.« (Zuliani 2012,78)

»Trotzdem zeigte sich bei dieser Arbeit, dass der Einsatz des iPads im Volksschulbereich, durch seine flexible und einfache Handhabung, durchaus zur Förderung von kreativen Prozessen geeignet ist. Um eine klare Aussage dazu machen zu können, sollte zwischen den beiden Tests allerdings ein weit größerer Abstand sein, z. B. zu Beginn und am Ende eines Schuljahres. Interessant und aufschlussreich hierzu wäre eine Vergleichsstudie, bei der Klassen mit iPads und Klassen ohne iPads miteinander verglichen werden.« (Zuliani 2012,76)
Die Lehrerin weist darauf hin, dass zur Kreativitätsförderung nicht allein Techniken gehören, sondern auch Umweltbedingungen, die eine wesentliche Rolle spielen, um kreative Prozesse auszulösen, z. B. das Klassenzimmer. (Zuliani 2012,77) Dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass neben den Geräten vor allem das pädagogische Gesamtkonzept sowie der Lernraum stimmen müssen. »Wenn es gelingt, im Schulalltag unter den Bedingungen der Erfüllung des Curriculums und der organisatorischen Arbeit, die das Schulleben mit sich bringt, neue Medien zu integrieren, kann dies die schöpferische Kraft der Schüler und Schülerinnen schulen.« (Zuliani 2012,78)

Quellen

Dokumentation der Forschung
Blog zum Projekt
Master Thesis

© Frank Thissen – Impressum – »I try to skate to where the puck will be, not where it has already been!« (Wayne Gretzky)