Warum Geschichten?

Der amerikanische Kognitionspsychologe Jerome S. Bruner hat in seinem Buch Actual Minds, Possible Worldszwei menschliche Denkweisen einander gegenübergestellt, die sich gegenseitig ergänzen: das logisch-wissenschaftliche Denken und das narrative Denken. Mithilfe des logischen Denkens analysieren wir, und mithilfe des narrativen Denkens stellen wir Zusammenhänge, Sinn undBedeutungen her.

Und erst in der Kombination dieser beiden Denkweisen gelingt es uns, die Welt zu begreifen.

In unserer abendländischen Wissenschaftskultur wird die zweite Denkweise häufig vernachlässigt oder sogar als unseriös abgelehnt. Dies widerspricht allerdings den Erkenntnissen der Hirn- und Gedächtnisforschung, die zunehmend erkennen, dass unser Gehirn auf Geschichten hin angelegt ist und dass Erinnerungen über Erzählungen organisiert werden (vgl. Grossmann, Der Fluss des Erzählens; Kotre; Der Strom der Erinnerung). Wir packen täglich unser Erleben in Geschichten und erzählen sie anderen, ja es scheint, als ob wir unserem Leben eine Geschichte geben (vgl. McAdams, The Stories We Live By).

Genau aus diesen Gründen reagieren wir als Menschen auch sehr stark auf Erzählungen, wir identifizieren uns mit Figuren, mitSituationen und mit dem Ablauf einer Geschichte, die uns gefangen nehmen kann. Dies wurde bereits in der Antike erkannt und mit dem Begriff der Katharsis  beschrieben. Geschichten sind also kein reiner Zeitvertreib, sondern in Geschichten wollen wir etwas über uns und die Welt erfahren.

ClownGeschichten sind sehr gut erinnerbar, weil ihre Elemente einander gleichen und nur die Art und Weise, wie diese Zutaten verwendet werden, variiert. Außerdem sind ihre Elemente dynamisch aufeinander bezogen. Für Lernprozesse bedeutet dies, dass eine Geschichte den roten Faden bilden kann, der sich durch eine Thematik zieht. 
 
Außerdem wecken Geschichten Emotionen. Der Hirnforscher Antonio Damasio (Descartes´ Irrtum) und andere haben nachgewiesen, dass Emotionen eine notwendige Voraussetzung für das Funktionieren von Kognition sind, und dass Lernen nur dann funktioniert, wenn wir etwas spannend, interessant finden und emotional positiv eingestellt sind. Lernen unter Druck, in unangenehmen Situationen oder mit Angst funktioniert nur sehr bedingt  und unter der Nebenwirkung, dass wir das Gelernte schnell wieder vergessen und dem gelernten Thema später auszuweichen suchen, weil es negative Gefühle weckt.

Die Vorteile des geschichtenbasierten Lernen sind:

  • Die Lerninhalte werden durch ihre Einbettung in eine Geschichte anwendungsorientiert in konkreten Situationen wahrgenommen. Dadurch wird der Nutzen des Lernthemas für den Lerner sofort deutlich.
  • Durch den narrativen Einstieg in die Thematik kann das Interesse geweckt und Motivation aufgebaut werden. Außerdem lassen sich damit Hemmschwellen und Barrieren abbauen, die normalerweise durch die Fremdheit und Komplexität eines anspruchsvollen Themas entstehen.
  • Die Struktur der Geschichte – die Heldenreise – bietet eine große Erinnerbarkeit, da sie in ihrer Grundstruktur dem Lerner bekannt ist. Die Integration von Informationen in die Geschichte fördert die Erinnerbarkeit des Gelernten, weil Verknüpfungen auf mehreren Ebenen angeboten werden: emotional,  situativ und authentisch.
  • Die Charaktere einer Geschichte bieten dem Rezipienten Identifikationsmöglichkeiten und damit eine emotionale Beteiligung, was nachgewiesenermaßen (Vester 1998; Damasio 1998; Spitzer 2002) lernfördernd ist.
  • Geschichten bieten vielfältige Möglichkeiten der Materialaufbereitung von Inhalten, da sie sich mit verschiedensten Medien erzählen lassen.
  • Lerner können auf sehr vielfältige Weise aktiviert werden, z.B. durch Diskussionen über den Ablauf und die Inhalte der Geschichte in Foren oder das Lösen von Aufgaben, wie der Held jeweils reagieren sollte.
  • Geschichten lassen sich gut auf andere Themen und Kontexte erweitern. Wenn einmal gute Figuren erschaffen worden sind, können sie beliebig in weiteren Geschichten »auftreten« und ziehen sich dann als roter Faden durch verschiedenste Kontexte.

© Frank Thissen – Impressum – »I try to skate to where the puck will be, not where it has already been!« (Wayne Gretzky)