Lernräume können das Lernen massiv fördern – oder aber auch behindern.

Foto: Frank Thissen

Der Lernraum als dritter Pädagoge

Der Einfluss des Raumes auf das Lernen war lange kein Thema der Forschung. Dennoch spiegelten Räume das Lernen im Industriezeitalter durch ihre Architektur wider:

»Wir sehen keine Orte für das Leben und das Lernen, sondern Kasernen. An langen Fluren steht ein Raum neben dem anderen stramm. Alle Klassenzimmer haben dieselbe Form. Die Kinder werden hineingepfercht, alle nach vorne zur Tafel ausgerichtet. Der Lehrer schreibt an, die Kinder schreiben ab. Das ist eine industrielle Anordnung, der die Massenabfüllung als Idee zugrunde liegt. […] Hand, Herz und Kopf müssen gleichzeitig entwickelt werden. Ich sehe nicht, wo in den Einheitsschulbauten der Augensinn der Kinder angesprochen wäre. Damit geht eine Verarmung der Sinne einher. Wir leisten der Erzeugung von „Gefühlskrüppeln“ Vorschub. Die Kinder werden in den standardisierten Klassenzimmern zu Mitläufern dressiert, sagt Wolfgang Harder, der ehemalige Rektor der Odenwaldschule. Denn das hat nichts mit dem zu tun, was wir im 21. Jahrhundert brauchen: Das Potenzial jedes Einzelnen zu erkennen und zur Geltung zu bringen. Die Freiheit zu haben, je nach Thema und Aufgabe Teams von Schülern bilden zu können. Zu experimentieren, zu forschen, zu denken.« Der Architekt Peter Hübner in einem Interview in der TAZ vom 16.1.2018

Siehe dazu auch der Artikel Schul-Meister im Deutschen Architektenblatt vom 1.12.2016

Vier-Räume-Modell

H. Jochumsen, D. Skor-Hansen und C.H. Rasmussen haben in ihrem Artikel The four new spaces – A new Model for the public library die vier Elemente einer Lernumgebung definiert.

Dass sich dieses Modell auch auf Schulen anwenden lässt, zeigen viele Beispiele der Schulen, die ihre Räume als Lernräume neu konzipiert haben, wie z. B. die Alemannenschule Wutöschingen:


Abb. rechts: Theoriegerüst frei adaptiert für die Infothek der Zukunft in Anlehnung an: Jochumsen, Rasmussen und Skot-Hansen, 2012 – Amt für Jugend und Berufsberatung | www.berufsberatung.zh.ch | rico.loppacher@ajb.zh.ch © Kanton Zürich, Bildungsdirektion, Mai 2017

Anregung- und Informationsraum

Beratungs- und Vermittlungsraum

Arbeits- und Gestaltungsraum

Treffpunkt / Eventraum

Entspannung- und Bewegungsraum

Eminence Independent Schools

Die Schulen in Kentucky haben durch die Veränderung von Lernräumen innovative Lernformen massiv gefördert.

weitere Infos

EDhub: Building a 21st Century Space to Transform Learning

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Learning Research Center an der Hochschule der Medien

Die Veränderungen im gesamten Bildungsbereich haben zu einer erhöhten Sensibilisierung für die Gestaltung von Lernarrangements geführt. Veränderte didaktische Konzepte erfordern auch veränderte Raum- und Angebotsstrukturen. Dies gilt sowohl für den realen als auch den digitalen Raum.

Von Schulen über Hochschulen bis hin zu Weiterbildungseinrichtungen, von Bibliotheken und Museen werden neue Lernumgebungen konzipiert. Die Hochschule der Medien Stuttgart hat sich in den letzten Jahren intensiv der Frage zugewandt, wie solche neuen Lernumgebungen angemessen und sinnvoll gestaltet werden sollten, und zwar unter vier Perspektiven, die wissenschaftlich untersucht werden:

  • Gestaltung physischer Raum- und Angebotsszenarien
  • Gestaltung digitaler Raum- und Angebotsszenarien
  • Pädagogische Konzepte
  • Organisatorische Kontexte

Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Perspektiven ergibt sich ein verändertes Verständnis von Lernwelten, das einen ganzheitlichen Blick auf die verschiedenen Aspekte von Lernen, Lehren und Wissensgenerierung erfordert. Im Zusammenspiel mit institutionellen Rahmungen geht es darum, Lernoptionen entlang der Biographien von Lernern in den Blick zu nehmen und übergreifende Konzepte zu entwickeln.

Im Rahmen des Learning-Research-Centers, mit den Forschungsschwerpunkten „Lernwelten“ (Prof. Dr. Richard Stang) und „Mobile Learning“ (Prof. Dr. Frank Thissen) werden folgende Schwerpunkte in den Blick genommen:

  • didaktisch-methodische Lehr-Lern-Settings: Untersuchung und konkrete Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen im Hinblick auf didaktisch-methodischen Veränderungsbedarf
  • organisatorische Gestaltungskonzepte: Entwicklung organisatorischer Konzepte, die den unterschiedlichen Anforderungen des lebenslangen Lernens Rechnung tragen
  • physische Lernräume: Erforschung und Entwicklung architektonischer Gestaltungsoptionen von Lernräumen, die sich sowohl an den Ergebnissen der Lehr-Lern-Forschung als auch an den Ergebnissen der Wahrnehmungsforschung orientieren
  • digitale Lernräume: Erforschung und Entwicklung einer medienadäquaten Gestaltung von Lernsettings, die auf den bisherigen Erfahrungen des E-Learning aufbaut, aber vor allem das mobile Lernen in den Blick nimmt
  • hybride Lernräume: Erforschung und Entwicklung von Schnittstellen physischer und digitaler Lernarrangements