Sehen lernen

Seit 1980 setze ich mich photographisch mit Personen, Ereignissen und Dingen auseinander.

Diese Web Site möchte Ihnen einen kleinen Eindruck verschaffen.


Ausstellungen

  • Fotos von Bäumen
    1981

    Freizeitstätte Düsseldorf-Garath

  • Studieren
    1984

    Universitätsbibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

  • Deutsch lernen
    1986

    Volkshochschule Düsseldorf

  • Deutschsprachige Analphabeten
    1990

    Stadtbibliothek Düsseldorf

  • Porträts
    1999

    Galerie SWO. Karlsruhe

  • Paris … Klischees und andere Irritationen
    2018

    Chrom VI. Karlsruhe


Gunter Wessmann zur Ausstellungseröffnung in Chrome VI.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

Paris … Klischees und andere Irritationen ist trotz der homogenen Wirkung durch die Beschränkung auf Schwarzweiss Fotografie eine ausgesprochen gegensätzliche Ausstellung:

Die Paris-Fotos sind tatsächlich Urlaubs-Schnappschüsse, die wohl jeder mit seinem Smartphone machen könnte, also eine spontane Geschichte.

Die Portraits wiederum sind geplant, mit dem Belichtungsmesser austariert und wohldurchdacht, auch wenn Frank Thissen den Abgebildeten die Wahl der Position und Körperhaltung selbst überlassen hat.

Frank Thissen hat in Düsseldorf studiert, eine Weile auch für dortige Zeitungen fotografiert, auch schon mal einen Aphorismen-Band von Oscar Wilde herausgebracht und unterrichtet heute als Professor an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Zusammen leiten wir das Seminar für Fotografie, was zumindest uns beiden eine solche Freude macht, dass wir kaum noch ohne Kamera aus dem Haus gehen. Wie viel Erfolg wir bei den Studenten haben ist natürlich fraglich…

„Wenn die Begleiter Sacre Coeur angekuckt haben, dann habe ich in die andere Richtung gesehen." – so umschreibt Frank Thissen seine Parisansichten. Für mich als Maler ist es eher ein Schreckensszenario mir im Freundeskreis Urlaubsfotos ansehen zu müssen. Es läuft für mich unter: Denn sie wissen nicht was sie tun. Endlose Reihen bestenfalls de-komponiert zu nennender Bilder – es bereitet mir körperliche Schmerzen beinahe gutes Licht, fast gute Bildaufteilung und ganz prima originelle Bildideen, die noch nie Jemand zuvor hatte, anzusehen. Womöglich soll ich dann noch was sagen – uff!

Frank Thissen kam mit seinen Urlaubsfotos und ich war aufs angenehmste überrascht – sowohl Wahl des Ausschnitts, Blickrichtung, Beleuchtung – es war alles stimmig. Dazu noch wie im Rausch fotografiert – grosse Mengen, von denen eins amüsanter als das andere war – Paris – auf spielerische Weise hopp genommen – herrlich!

Vom Leiter des Heimatmuseums bis zum hühnerhaltenden Totengräber Frank Thissens Portraits aus fast 40 Jahren sind ein wundersamer Querschnitt durch alle Berufsstände und Menschensorten. Faszinierend ist ihre Haltung in ihrem natürlichen Habitat – manche endemisch – nicht wieder herzustellen, Dokumente ihrer Zeit. Leider habe ich den Platz nicht noch mehr zu zeigen, denn es gibt noch viel mehr.

Manche der Dargestellten zeigen sich mit umwerfenden Selbstvertrauen – die Dame, die barocker ist als ihr Gelsenkirchener Schrank. Manche verschmelzen beinahe mit dem Hintergrund, wie z.B. „Uschi M., Künstlerin" , die in einer Van Eyck-artigen Komposition verschwindet.

Trotz des einschüchternden Aufwands mit 6x6-Kamera, Stativ und Belichtungsmesser erscheinen die Abgebildeten von der philosophischen Sekretärin bis zur Hüterin der Dosen offen, natürlich und würdevoll – sie sind sämtlich aus Frank Thissens Bekanntenkreis, also gab es immer schon ein Vertrauensverhältnis. Heute betrachtet erscheinen die Portraits wie Fallstudien: Der Mensch und seine Dinge.

Trotz der Würde, die jedes einzelne der Portraits ausstrahlt, schleicht sich bei mir langsam aber sicher der Verdacht ein, dass auch die „Deformation Professionelle" mit abgebildet wurde. Jeder ist eben so, wie er oder sie sein möchte. Das ist schlimm genug, aber dazu dann noch das Gefängnis der selbst gewählten Besitztümer? Die philosophische Sekretärin beim rauchen und betrachten der Beutestrecke inklusive Tatwaffe – ein Wunder, dass ihr vermutlich im WKII verschollener Mann nicht ausgestopft neben ihr hängt. Na gut – wer verschollen ist kann nicht ausgestopft werden, so hat alles doch eine gute Seite.

Die Skurrilität der Dargestellten, wie auch unsere Eigene als Betrachter begegnen sich auf's wundervollste beim flanieren entlang der Portraitreihen hier. Bei allen Portraits, so finde ich, schauen Frank Thissens feiner Humor und seine Liebenswürdigkeit durch. Was einst vielleicht für eine Zeitschrift „Horse & Hound" getaugt hätte, oder sogar in John Hedgecoes legendärem Fotohandbuch abgebildet hätte sein können ist nun aus der Zeit gefallen, auch ein Anteil des grossen Reizes der Portraits. Wieder ein Spiel mit Distanz und Nähe „ was betrifft uns nun, was nicht. Die jüngste Arbeit – abgesehen von den Parisansichten – ist nebenbei bemerkt nur 2 Jahre alt, welche nur mag das sein?

Gunter Wessmann, März 2018


Jürgen Linde über Frank Thissen

Frank Thissen ist eigentlich gar kein Künstler.

Was dann? Er ist Medien-Didaktiker, Multimediaexperte, Dozent, Buchautor, Webdesigner, Philosoph, Germanist, Familienvater, und all das mehr oder weniger gleichzeitig.

Frank hat also reichlich zu tun und überhaupt keine Zeit. Daß er all dies bewältigt, ist sicher auch eine Kunst, aber nicht die Art von Kunst, die frau/man in einem Künstlerporträt erwartet.

Frank Thissen ist eigentlich doch Künstler.

Er ist Fotograf, ein ganz hervorragender und eigenwilliger noch dazu. Und es fällt erfreulich auf, daß sich Frank doch Zeit zu nehmen weiß, wenn es um die Kunst geht.

Zum Fotografieren kommt er zwar selten, aber wenn, dann tut er dies mit großer Ruhe und Konzentration. Auch als er da war, um über die geplante Ausstellung in der Galerie SWO zu sprechen, sagt er, er habe soviel Zeit für das Gespräch, wie wir eben brauchen würden. Daß der Gesprächstermin zuvor zweimal recht kurzfristig verlegt wurde, um dies zu ermöglichen, nehme ich dann natürlich gerne in Kauf.

In diesem Gespräch erfahre ich – nun schon kaum mehr überrascht – daß Frank nicht nur sehr viel gleichzeitig tut, sondern dies sogar noch durch die Vielfalt der zeitlich nacheinanderfolgenden Tätigkeiten übertroffen wird.

Frank Thissen berichtet aus seinem bisherigen Leben – hier ist der Lebenslauf –, wobei zunächst mal noch der Eindruck der neuen Unübersichtlichkeit wächst …

Aber auch eine entgegengesetzte Tendenz wird sichtbar; etwa zwei rote Fäden lassen sich entwirren: immer wieder aufgenommen wird – anhand verschiedenster Gegenstandsbereiche – das Fotografieren, daneben fallen immer wieder Lehrtätigkeiten auf – die natürlich auch wieder durch eine beeindruckende Vielfalt gekennzeichnet sind.

In Franks "fotografischer Laufbahn" finden wir Theaterfotos (1982-85), Fotos von Bäumen (1983), schließlich aber auch Fotos von etwas, das man gar nicht sehen kann: Fotodokumentation Deutsch als Fremdsprache (1986)

In ähnlich anspruchsvoller Richtung folgte ein Projekt im Jahr 1990; Frank berichtet: "das Jahr 1990 war das internationale UNESCO-Jahr der Alphabetisierung. In diesem Jahr gab es die Ausstellung Zwischen Byte und Böll. Schriftsprache in der hochtechnisierten Gesellschaft, die sich mit der Situation deutschsprachiger Analphabeten (geschätzt 3%) auseinandersetzte. Die Ausstellung wurde von mir und einer Gruppe von Teilnehmern eines Volkshochschul-Fotokurses vorbereitet (ein Jahr lang) und im April 1990 im Weiterbildungszentrum Düsseldorf eröffnet. Es fand eine Vernissage statt. Die Ausstellung wurde sehr beachtet, weil sie etwas zeigte, was man eigentlich nicht zeigen kann. Seitdem wird sie von der Volkshochschule Düsseldorf verliehen und reist als Wanderausstellung durch Deutschland."

Dieses doch recht abstrakte Thema ist Ausdrucks von Franks Wille, lebendige Bilder zu machen. Als Frank von seiner fotografischen Entwicklung erzählt, nennt er auch eine Reihe von Vorbildern, deren chronologisches Aufeinanderfolgen (als Vorbilder) auch seine Entwicklung kennzeichnet: nach der anfänglichen Begeisterung für die perfekte Technik eines Ansel Adams und der eigenen intensiven Auseinandersetzung mit der Technik selbst, spürt Frank sehr schnell, daß hier die Lebendigkeit fehlt, die er selbst jedoch erreichen will.

Ein späteres "Vorbild", Diane Airbus, charakterisiert Frank mit diesem schönen Zitat: "Fotografie ist ein Geheimnis über ein Geheimnis."

Für mich paßt dieses Zitat perfekt auch auf Frank Thissen: das Vermittelnde des Mediums, die didaktischen Möglichkeiten seiner Nutzung gewinnen für die Arbeit selbst eine zentrale Bedeutung.

So wie sich ein Maler mit Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Werkzeuge und damit letztlich denen der Malerei als solcher, als Medium, auseinandersetzt, so analysiert Frank Thissen die Fotografie: das Fotografieren eines Gegenstandes, der schon "an sich" etwas Mystisches haben mag, wird durch die mediale Bearbeitung der Fotos nochmals mystifiziert – was verwirrend oder klärend oder normalerweise beides gleichzeitig ist.

Schließlich lautete ja auch ein Versuch, seinen "Beruf" zu beschreiben, "Multimedia-Didaktiker". So ist inzwischen nicht mehr verwunderlich, daß Frank neben seiner Haupttätigkeit als Professor an der FH Stuttgart parallel ein Buch schreibt, das zwar "Screendesign-Handbuch" heißen wird – und auch WebSiteDesign zum Thema hat.

Dahinter aber steht ein Designverständnis, welches die komplette Auswahl und strukturelle Aufbereitung der Inhalte behandelt, die jemand im Internet verfügbar machen will. Klar, daß neben verschiedenen Negativ- und Positivbeispielen auch die "kunstportal-bw" als bewährtes Vorbild genannt werden wird.

Auch bei den Webdesignaktivitäten könnte sich bei Frank ein Weg zur Kunst auftun: genauso wie er beim Fotografieren die genaue Kenntnis und Beherrschung der Technik als Voraussetzung der künstlerischen Arbeit sieht, genauso könnte die Beherrschung des kompletten Instrumentariums des Webdesigns – natürlich einschließlich aller didaktisch relevanten Aspekte – Freiräume schaffen, in denen Webdesign zur WebKunst wird.

Um mich vor der Begriffsdefinition zu drücken, beende ich hier diesen Text.

Denn Frank Thissen ist ein vielseitiger Künstler, dem wir unglaublich viel Zeit für die Kunst wünschen.

Jürgen Linde, 1999

Quelle: www.kunstportal-bw.de/frank1.html